FARBENFREUDE MIT EINEM DUNKLEN BEIGESCHMACK: DIESES GEHEIMNIS VERSTECKT SICH HINTER DEN OLEANDERN AN DER SPANISCHEN AUTOBAHN
Sie bilden ein tausende Kilometer altes, buntes Blütenmeer auf dem Mittelstreifen. Für jeden, der über die Autobahn in Richtung spanischer Küste braust, gehören die rosa, roten und weißen Sträucher unrennbar zum Urlaubsgefühl. Doch hinter dieser botanischen Pracht verbirgt sich eine durchdachte – und manchmal nervenaufreibende – Geschichte. Denn diese kultige Pflanze rettet täglich Leben, ist aber gleichzeitig eines der tödlichsten Gewächse Europas.
Fährt man nach Spanien hinein, sieht man sie fast sofort vorbeiflitzen: dichte, meterhohe Hecken aus Adelfas, wie die Spanier den Oleander nennen. Sie stehen dort nicht einfach nur, um die Autobahn für Touristen aufzhübschen. Sie erfüllen einen bluternsten Zweck.
Der Ultimative Lebensretter auf dem Mittelstreifen
Wenn nachts die Scheinwerfer des Gegenverkehrs in den Augen brennen, bildet der Oleander eine blickdichte Wand, die Blendung verhindert. Aber die Pflanze kann noch mehr. Geraten Sie auf der Autobahn ins Schleudern und schießen auf die Gegenfahrbahn zu? Dann verwandelt sich die grüne Wand in ein gigantisches Auffangnetz. Die biegsamen, aber bärenstarken Äste absorbieren den verheerenden Aufprall des Crashes und lenken das Auto ab, bevor es in den Gegenverkehr kracht.
Dass Spanien massiv auf den Oleander setzt, ist rein rechnerisches Genie. Die Pflanze ist hart im Nehmen: Sie übersteht sengende Hitze, stoische Dürre und tückischen Nachtfrost. Pflege? So gut wie gar nicht nötig. Für ein Land mit einem riesigen Autobahnnetz und einem knappen Straßenbudget ist dieser „unwüstliche“ Strauch ein absoluter Volltreffer.
Die Schattenseite: Ein Gefährlicher Geschwindigkeitsrausch
Dennoch hat diese grüne Wand eine düstere Schattenseite. Weil der Oleander die Sicht auf die andere Straßenseite komplett abschneidet, entsteht ein gefährlicher „Tunneleffekt“. Man verliert jedes Gefühl für die eigene Geschwindigkeit. Ohne visuelle Ankerpunkte auf der Gegenfahrbahn fährt man unbemerkt viel zu schnell – und das ausgerechnet auf Strecken, auf denen die spanische Verkehrsbehörde DGT ohnehin die meisten schweren Unfälle registriert.
Und als wäre das noch nicht genug, lauert am Straßenrand eine weitere Gefahr.
Ein Botanischer Schleicher
Der Strauch, der Sie vor einem Frontalzusammenstoß schützt, ist eine der giftigsten Zierpflanzen Europas. Blatt, Blüte, Zweig oder Wurzel: Jede einzelne Faser des Oleanders steckt voller Stoffe, die das menschliche Herz komplett aus dem Takt bringen können.
Als Erwachsener kommt man nicht so leicht auf die Idee, daran zu knabbern, aber für neugierige Kinder und Haustiere ist die Pflanze lebensgefährlich. Schon ein kleiner Bissen kann zu heftigem Erbrechen, extremer Benommenheit, Herzrhythmusstörungen und im schlimmsten Fall zu einem akuten Herzstillstand führen. Träumen Sie von einem Haus in Spanien und möchten Oleander im Garten pflanzen? Überlegen Sie es sich zweimal, wenn Hunde oder Enkelkinder herumlaufen. (Und beachten Sie das spanische Nachbarrecht: Für hohe Hecken an der Grundstücksgrenze gelten strenge Regeln und empfindliche Bußgelder!).
Augen auf die Straße!
Es zeigt einmal mehr, wie klug – und manchmal unvorhersehbar – die spanische Landschaft gestaltet ist. So wie der Oleander die Straßen sicherer machen soll, verdrängt der Eukalyptusbaum im grünen Galicien ungewollt die heimischen Vögel aus ihrem Lebensraum.
Sind Sie diesen Sommer auf der berüchtigten AP-7 unterwegs nach Süden? Genießen Sie die Farbenpracht auf dem Mittelstreifen, aber bleiben Sie wachsam. Nicht nur wegen des trügerischen Geschwindigkeitsrauschs durch die Oleander, sondern auch wegen der neuesten Rotlichtblitzer der DGT und der berüchtigten Autobahn-Abzocker, die es auf müde Urlauber abgesehen haben.
Wenn Sie das nächste Mal an diesem endlosen rosa Blütenmeer vorbeifahren, wissen Sie Bescheid: Sie blicken auf Spaniens schönste Rettung in der Not... mit einem eisernen Charakter.